Unecht angedockt: Wenn Leadsätze crashen


Das Neue steht im ersten Satz? Das ist längst keine eherne Regel mehr! Es gibt eine Reihe Alternativen, in eine Geschichte einzusteigen. „Andocken“ ist vielleicht die populärste. Sie besagt: Im ersten Satz steht der Rahmen, die Vorgeschichte, was der Hörer weiß, im zweiten die Neuigkeit, „die News“. Erfunden haben´s die Schweizer, seit gut zwei Jahrzehnten ist die Methode beschrieben. In der Nachrichten-Wirklichkeit wird sie jedoch nur zögerlich eingesetzt. In vielen Redaktionen gibt es Vorbehalte, gleichwohl wird auch von Skeptikern und Gegnern „angedockt“. Das geschieht offenbar unwissentlich und in verhüllter Form, sodass die Technik des Andockens nicht auf Anhieb als solche zu erkennen ist. Beispiele:

  • Nach dem verheerenden Großfeuer im Grenfell Tower im Londoner Westen, bei dem 72 Menschen zu Tode gekommen sind, haben Ermittler mit der Ursachensuche begonnen…
  • Weil sie einen unbeteiligten Autofahrer bei einem illegalen Autorennen mitten in Berlin im Februar 2016 in den Tod gerissen hatten, stehen von heute an erneut zwei jugendliche Raser vor Gericht…
  • Bei einem Zusammenstoß mit einer Rotte Wildschweine nahe Freudenstadt am späten Sonntag-Abend ist am Auto eines 47-jährigen Mannes aus Tuttlingen hoher Sachschaden entstanden…

Offensichtlich ist: Rein formal wird das Leadsatz-Prinzip gewahrt (das Neue steht im ersten Satz). Tatsächlich aber werden die Informationen genau so angeordnet wie beim Andocken auch – nur dass es hier in einem einzigen Satz stattfindet: Zunächst der Rahmen, dann die Neuigkeit. Konjunktionen („nach“, „weil“, „bei“) machen es möglich.

Die Ergebnisse dieses „unechten“ Andockens überzeugen nicht wirklich. Denn die Sätze sind meist (zu) lang und (zu) voll. Was nicht überrascht, bestehen sie doch aus zwei Sinnschritten, dem Rahmen und der Neuigkeit. Entschieden besser wäre es, jedem Schritt einen eigenen Satz zu geben – der leichten Fasslichkeit wegen.

Unechtes Andocken (v.a. Konstruktionen mit „nach“) ist auch wenig ästhetisch. Texte wirken dann oft hölzern, mechanisch, wie aus dem Setzkasten zusammengestückelt, formal und schablonenhaft. Umso mehr, als diese Machart weit verbreitet ist und Nachrichtenhören manchmal zu einem zweifelhaften Vergnügen macht. In der gelebten Wirklichkeit sind schon mal drei von fünf Meldungen einer Nachrichtensendung nach diesem einen Muster gestrickt.

Attraktiv ist das nicht! Aber eben bequem!

Echtes Andocken dagegen kann eine fabelhafte Technik sein, vor allem bei solchen Stoffen überzeugende Einstiege zu schaffen, die nicht „breaking“ sind (und aus sich heraus verständlich sind), sondern Fortschreibungen etablierter Themen (in die hineinzukommen mit klassischen Mitteln eher schwierig ist).

Andocken ist ein Service für den Hörer, eine Hilfestellung, um rasch und umstandslos in eine Geschichte hineinzufinden. Zugleich ist diese Technik nachrichtlich, weil „das Neue“ früh erscheint: Konjunktionen wie „jetzt“, „jetzt aber“, „heute“, „nun“ und dergleichen am Anfang des zweiten Satzes kennzeichnen die Neuigkeit unzweideutig.

Dass Andocken hörerfreundlich ist, hat seinen Grund nicht zuletzt darin, dass wir auch im Alltag oft ähnlich formulieren und nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen („Schatz, Du erinnerst Dich doch an…“).

Ein guter Grund, Andocken guten Gewissens auch in Radionachrichten zu nutzen.

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