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Nie war Journalismus wichtiger: Warum uns VoCo keine Angst zu machen braucht

13. November 2016

Es ist immer der Mensch, der den Unterschied macht. Ob eine (neue) Technik sinnvoll genutzt wird oder aber Schaden anrichtet. Aktuell tobt ein Streit, ob Adobe-VoCo „böse“ ist oder „gut“. Warum? Mit der vor Kurzem vorgestellten Software lassen sich gesprochene Texte im Nu in gewünschter Weise manipulieren. Sprechern lassen sich gar beliebige Texte in den Mund legen. In der Branche hat das zu einer (etwas hysterischen) Diskussion geführt. Ob das das Ende des O-Tons sei? Und gar, ob es künftig noch Nachrichtensprecher geben werde („VoCo ist nie müde, braucht keinen Urlaub und fragt auch nicht nach mehr Geld“). Ich meine: VoCo nützt! Weil journalistisches Können mehr denn je gefragt ist. VoCo ist Teufelszeug, weil man damit manipulieren kann? Kann man das mit Sprache denn nicht? Dennoch werden auch die schärfsten VoCo-Kritiker nicht auf sie verzichten wollen.

Auch den O-Ton, so wie wir ihn kennen, wird es weiter geben. Genauer als bisher allerdings werden wir hinsehen (resp. hinhören) müssen, ob er plausibel ist, und überprüfen, ob er echt ist oder aber Schwindel.

Gefragt ist eine Praxis, die für Journalisten überhaupt kein professionelles Neuland ist. Denn schon das schnöde Text-Zitat muss verifiziert werden; das ist seit jeher journalistischer Standard. Die markige, per Pressemitteilung tausendfach verbreitete Rücktrittsforderung an die Adresse eines Ministers etwa? Hat sie nicht reflexhaft den Griff zum Telefon zur Folge? „Wir haben hier eine Pressemitteilung vorliegen. Ist das richtig: Die ist von Ihnen? Der Satz in Sachen Ministerrücktritt, ich zitiere (…): Ist der tatsächlich so gefallen? Können Sie ihn bestätigen?“

Verifizieren ist und bleibt also handwerklicher Standard, wird es künftig nur noch mehr sein, weil eben auch O-Töne bestätigt werden müssen (wie auch Fotos nicht unbesehen vertraut werden kann). Wer ist denn so naiv zu glauben, ein O-Ton sei bisher allein durch seine bloße Existenz ein zweifelsfreies Dokument? Als würde VoCo das Problem der Authentizität erst schaffen?

Die Gefahr einer Manipulation von O-Tönen gibt es ja nicht etwa erst seit VoCo; sie ist Teil von Radio, seit Töne aufgezeichnet und bearbeitet werden. Dazu brauchte es nicht erst digitales Equipment, schon beim „blutigen Schnitt“ zu analogen Zeiten war- wenn man es denn wollte – ein Satz von einem Augenblick zum nächsten ins Gegenteil verkehrbar.

Und schon bisher musste der Hörer darauf vertrauen, dass tatsächlich real war, was er hörte an O-Tönen. Das eben wird in Zukunft verstärkt eine journalistische Kompetenz sein, Fakten von Fake zu trennen und Behauptetes zu verifizieren oder aber als Schwindel zu enttarnen – ob als Wort, Ton oder Bild..

Keine schlechte Aussicht also für unseren Berufsstand, oder?

From → Norbert Linke

One Comment
  1. Lieber Norbert,

    es tut mir leid, wenn die Diskussion, die ich über VoCo angestoßen habe, hysterisch auf Dich wirkt. Das war nicht meine Absicht.

    Aber wie in dem verlinkten Artikel zitiert, glaube ich, dass VoCo die Wahrnehmung von Audio verändern wird.

    Ich hatte gehofft, das im Artikel erklärt zu haben. Und wesentlich dafür scheint mir die Passage:

    „Tools, mit denen sich mediale Wirklichkeiten konstruieren lassen, wirken also auch da, wo sie nicht genutzt werden. Weil die, die sie nicht nutzen, plötzlich beweisen müssen, dass sie sie nicht nutzen. Aber wie?

    […]

    Ich sehe da mit Schaudern eine Unmenge an MetaMetaMeta-Erklärarbeit auf uns zukommen.

    Und die wird um so schwerer, weil ich vermute, dass professionelle Radiomacher solche Tools bald selber nutzen werden. Zwar in der Regel vermutlich nicht, um journalistische Beiträge oder Interviews oder faken. Aber um Geld zu sparen.“

    DESHALB scheint es mir wichtig, früh zu klären, wann wir als Radiomacher so ein Tool wie einsetzen wollen/sollen/dürfen.

    Wir sollten uns handwerkliche Regeln dafür geben – wie für jedes Tool, das wir nutzen.

    Und ja: Dazu gehört auch die Sprache. Für die HABEN wir journalistische Regeln. Und handeln sie immer wieder neu aus.
    Eben WEIL sich, wie Du richtig schreibst, auch mit ihr manipulieren lässt.

    Nichts anderes wünsche ich mir für VoCo: Eine frühe Auseinandersetzung über seine Anwendungssmöglichkeiten im Radio und was davon sinnvoll oder problematisch erscheint.

    Habe deshalb dafür jetzt eine Umfrage gestartet. Mit ganz konkreten Beispielen: http://www.radio-machen.de/2016/11/13/wieviel-audio-technik-darf-sein-eine-umfrage/

    Und ganz unhysterisch. Hoff ich.

    Liebe Grüße
    Sandra

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