Mariettas Welt: Frau Slomka und die dicken Bretter


Es macht allemal Sinn, sich én detail anzuschauen, wie vermeintliche Medien-Koryphäen arbeiten. Wie ZDF-Frau Marietta Slomka etwa, die sich jüngst einmal mehr in der Rolle der journalistischen Gralshüterin gefiel (im Interview mit SPD-Chef Gabriel). Anspruch und Selbstgewissheit waren (vorsichtig formuliert) bemerkenswert. Neben ihrem Moderations-Job bohrt Marietta Slomka auch dicke Bretter. Ihr jüngstes ist 544 Seiten stark: „Kanzler, Krise, Kapital: Wie Politik funktioniert“. Wie aber „funktioniert“ die Autorin Slomka? Drei Beobachtungen… 

1) Die Tante spricht zum Kinde: Sprache & Stil

Eine „Sendung-mit-der-Maus-Ansprache für Erwachsene“ nannte es der Freitag. Slomka pflegt einen Stil, der mal arglos-mädchenhaft ist, mal verkopft-papieren. Eine natürliche Sprechhaltung jedenfalls sieht anders aus. Stets ist es Sprechen mit Gefälle, auf den Zuschauer bzw. Leser herab, dem die Welt auf penetrant (und vermeintlich) kindgerechte Weise zurecht gelegt werden soll. Gedruckt ist das regelrecht ungenießbar:

„Als Kanzler muss man viel telefonieren, und zwar mit Leuten in aller Welt. Oft sind dann Dolmetscher dabei (…). Der Dolmetscher Job ist spannend – was man da so alles mitkriegt. Aber natürlich ist man zur Verschwiegenheit verpflichtet, sonst fliegt man gleich raus. Als Kanzler muss man jedenfalls jeden Tag wahnsinnig viel quasseln (…)“ (S.178f.)

Auffallend sind die Kaskaden aus „man“-Konstruktionen, die jeder Journalistenschüler schon in seinen ersten Wochen ausgetrieben bekommt. Denn : Wer ist „man“? Man selbst vielleicht? Schön, dass das auch die Autorin ahnt und an anderer Stelle im Buch scharf geißelt:

Das „man“ hört „man“ oft, „sobald Menschen offiziell werden. Wohin man blickt und hört: Überall sind die „mans“ unterwegs. Das „ich“ trauen sich viele nicht“ (S.278)

Nur: Warum läßt sie es dann nicht – die sie von der Gesellschaft für deutsche Sprache 2012 für ihren „klaren und unprätentiösen Sprachstil“ ausgezeichnet wurde?

2) Fisch oder Fleisch? Inhalt & Anspruch

Abgesehen davon, dass der Anspruch des Buches monströs ist („Alles, was man über Politik wissen muss“) – die Machart ist die einer aus dem Ruder gelaufenen Seminararbeit. Weite Strecken wirken lust- und anspruchslos, Insider-Wissen wird nicht sichtbar, die journalistische Attacke hat Pause:

Als Bundeskanzler muss man „Reden halten, mehrere am Tag, im Bundestag oder bei anderen Veranstaltungen (…). Man muß mit zig Leuten diskutieren (…), Staatsgäste kommen hinzu, das kann anstrengend werden“ (S.179)

Schulterzuckendes sich-drein-geben in die gegebene Faktenlage begegnet dem Leser allenthalben. Gerne lässt Slomka Sätze nach einem Gedankenstrich ausklingen mit einem „wer weiß?“ (auf S. 264 gleich zweimal). Und hat auch kein Problem z.B. damit, Entscheidungen der Bundeskanzlerin auf sich beruhen zu lassen mit der Bemerkung, etwas werde sie sich dabei „schon überlegt haben“ (S. 271). Slomkas Unentschiedenheit mündet in diesem Schlusswort:

„Zu den mindestens zwanzigtausend Aspekten der deutschen, europäischen und internationalen Politik, die ich hier nicht behandelt habe, gibt es dann irgendwann ein Nachfolgebuch. Oder auch nicht. Man kann´s ja auch übertreiben (…). Politik heißt, nichts Genaues weiß man nicht (…)“ (S. 528)

3) Wenn Slomka drauf steht: Die Quellen

Vorsorglich platziert Slomka schon auf den ersten Seiten einen Hinweis, das Buch verwende teils schon publiziertes Material. Ob das nur eigene Veröffentlichungen sind oder auch solche fremder Federn, lässt sie im Unklaren. Auch, ob es sich um Zeilen, Absätze oder gar Seiten handelt. Als habe es eine Plagiats-Diskussion nie gegeben.

Das betrifft z.B. eine Liste, die „statt eines gewichtigen Nachwortes“ am Ende des Buches steht: „Viele Kühe machen Mühe“ (S. 525 ff). Oh, Frau Slomka kann auch Humor? Mitnichten.

Die Liste ist kein „Witz“, wie Slomka schreibt, sondern ein Spiel mit Begriffen und Konzepten der politischen Philosophie: Die sogenannte „two-cows-metapher“. Das Setting: Sie besitzen zwei Kühe. Ihr Nachbar hat keine. Was nun macht der Staat? Wie geht eine Demokratie mit dieser Situation um? Wie der Sozialismus, wie die Eurokraten usw. – ein intellektuelles Vergnügen!

Nur: Die „two-cows-metapher“ als sprachliche Karikatur verschiedener Wirtschaftssysteme ist uralt. Sie findet sich schon Mitte der 30er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts, wie in der englisch-sprachigen Ausgabe des Online-Lexikons Wikipedia nachzulesen ist.

Im Internet kursieren tausende Versionen davon. Immer wieder machen sich Autoren daran, das Spiel um neue geistreiche (manchmal auch bemühte) Erklärungen zu erweitern.

Bemerkenswert: Sogar im Web verweisen Autoren darauf, dass nicht sie die Verfasser dieses Materials sind.

Frau Slomka aber schweigt.

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