Stilkritik #4: „ist unklar“


Erfolgreiches Radio gibt Antworten, bietet Orientierung, macht das Chaos der Welt ein bisschen überschaubarer. Nachrichtenredakteure versagen dabei tagtäglich und flächendeckend, in öffentlich-rechtlichen Stationen ebenso wie in privaten. Indem sie zu oft, zu schnell, zu gedankenlos zu einer Formulierung greifen, die Gift ist: „Was zu dem Unfall führte, ist unklar“, „Wann die Bundeskanzlerin zum Interview kommt, ist noch unklar“, „Wie der künftige griechische Rundfunk aussieht, ist nach wie vor unklar“. Das steht jedenfalls fest: „Unklar“ ist hier in erster Linie, wie ein Programm mit so viel ahnungslosem Schulterzucken Kompetenz beweisen und helfen will, seinen Hörern Sicherheit in einer unübersichtlichen Welt zu geben…

„Our business is the struggle to be a human being“, formulierte gerade US-Radio-Ikone Valerie Geller in Nürnberg, „and help people get through their day the best way possible“ (Video). Heißt: Radio soll ein verlässlicher Partner sein, den Menschen die Welt erklären und sagen, wie sie am besten zu meistern ist.

Wer sich aber in seinen Texten zufrieden gibt mit der Formulierung, etwas sei „noch unklar“, erledigt diesen Job nicht! Die eigene Unsicherheit und Ahnungslosigkeit delegiert er einfach an die Hörer weiter. „Sollen die doch selbst sehen, was sie damit anfangen“. Ein katastrophales Bild vom Hörer! Das kann und darf nicht sein!

„Ist unklar“ – das heißt im Subtext so viel wie:

  • „Keine Ahnung, es interessiert mich auch nicht“
  • „Ich war zu faul, zum Telefon zu greifen und nachzufragen“
  • „Die Welt ist schlecht, ich kann sie auch nicht besser machen“

Ahnungslosigkeit, Nachlässigkeit und Negativismus sind die Sargnägel einer positiven, vertrauensvollen Beziehung des Hörers zu seinem Radioprogramm. Wenn die Welt, so wie sie ist, ungefiltert dem Hörer konfrontiert wird –  welchen guten Grund sollte der dann haben, eben dieses Programm immer wieder neu und gerne einzuschalten?

Die Konsequenz? Sicher nicht, nur noch „gute Nachrichten“ bringen zu wollen! Niemand will rosarote Brillen verteilen. Der Kunstgriff ist, negative oder „schwebende“ Lagen positiv zu drehen, indem man genauer hinschaut und fragt: „Was passiert da im Moment genau?“ Etwa so:

  • „Im Moment gehen Experten der Feuerwehr in der Ruine dem Verdacht nach, der Brand könnte gelegt worden sein“
  • „Bundeskanzlerin Merkel wartet angeblich darauf, dass zunächst SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück in den Ring steigt – sagen Insider“
  • „In Athen sitzen gerade Verfassungsrechtler daran, ein neues Gesetz für den kommenden griechischen Rundfunk zu erarbeiten“

Die Vorteile davon, das „unklar“ zu ersetzen durch positive Sprachlichkeit, liegen auf der Hand:

  • Der Text wird präziser, konkreter und gehaltvoller
  • Der Text beschreibt statt Stillstand („unklar ist“) Aktion („das geschieht gerade“)
  • Der Text transportiert eine aktive, positive Weltsicht (statt einer defätistischen)

Texte, die auf die „unklar“-Formel aus dem Setzkasten des Nachrichtenredakteurs verzichten, machen Mut. Sie geben den Menschen Zuversicht, dass die Dinge vorangehen – dass etwas geschieht.

Das gefällt Hören. Und macht das Programm attraktiver. Hörer schalten es lieber ein, weil sie spüren: „Die Welt hat viele Fehler, aber wir alle kümmern uns täglich darum, dass es weniger werden…“

2 Kommentare zu „Stilkritik #4: „ist unklar“

  1. Hallo Herr Linke,

    eine kurze Stilkritik zu ihren Verbesserungsvorschlägen:

    In der Regel ermitteln Polizisten bei Brandstiftung, nicht Feuerwehrleute.
    Wer oder was sind Insider?
    Und: Merkel und Steinbrück im Boxring, das wäre in der Tat eine spannende Meldung.

    Ansonsten teile ich Ihre Auffassung, dass wir unserer Hörer nicht im „unklaren“ lassen sollten.

    Ein Transparenzhinweis, dass uns derzeit einfach keine weiteren Informationen zugänglich sind (Polizei will keine Details nennen, verschafft sich selbst noch einen Überblick, etc.), ist meines Erachtens nach aber dem Hörer gegenüber aber nur ehrlich.

    Beste Grüße

  2. Schönes Thema, dem ich vor ein paar Jahren in einem Stylebook für einen Frankfurter Regionalsender auch ein paar Zeilen gewidmet hatte. „Die Unfallursache ist unklar“ – natürlich nicht, denn sie ist nur noch nicht geklärt. Ein feiner Unterschied, wie ich finde.

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