Stilkritik #3: „keine Chance“


Manuel Neuer hatte „keine Chance“, war sich ARD-Mann Tom Bartels sicher. Nach katastrophalem Fehlpass von Philipp Lahm im WM-Vorrundenspiel Deutschland-Ghana hatte Asamoah Gyan unbedrängt zum zwischenzeitlichen 1:2 getroffen. Keine Chance? Tatsächlich? „Keine Chance“: Eine Wendung direkt aus dem journalistischen Floskel-Setzkasten. Nicht nur im Sport: „Hatte der Amtsinhaber keine Chance gegen den Herausforderer“, die Feuerwehr „keine Chance gegen die lodernden Flammen“. Der Haken dabei: Wer „keine Chance“ hatte, hat auch nichts falsch gemacht. Oder?

Denn wer von vornherein chancenlos ist, dem kann man ja auch kaum vorwerfen, er habe sich zu wenig angestrengt.

Der Persilschein „keine Chance“ nimmt nicht nur massiv Partei, er belegt auch Denkfaulheit und/oder Gedankenlosigkeit, Nicht-Können oder Nicht-Wollen des Autors, einen Sachverhalt genauer, treffender, vorurteilsfreier zu betrachten und zu beschreiben. Kurz: Die Augen weiter aufzumachen und näher heranzugehen ans Objekt:

# Neuer hatte allemal seine Chance – wenn er den Winkel besser verkürzt hätte, anders angetäuscht, früher herausgelaufen wäre, besser vorbereitet und mental auf der Höhe gewesen wäre – oder auch einfach nur das Glück auf seiner Seite gehabt hätte;

# Der Parteivorsitzende hatte ebenso eine Chance – er hat sie nur nicht genutzt (z.B. durch eine charismatische Rede an die Delegierten), nicht rechtzeitig gesehen (aus Verkennung der Lage), nicht wahrhaben wollen (aus Eitelkeit und Überheblichkeit) oder nicht nutzen können (aus Mangel an politischen Ideen) – je nach Sicht der Dinge;

# die Feuerwehr hatte selbstverständlich die Chance, die Flammen zu löschen – wäre sie früher alarmiert worden, wäre sie rascher ausgerückt, mit mehr Mann vor Ort gewesen, hätte sie rascher und beherzter zugegriffen, besseres und mehr Material dabeigehabt usw.

Kurz und gut: Die Chance war in allen Fällen da, wurde aber nur nicht genutzt. Von vornherein entschieden, wie es die Floskel suggeriert, war nie etwas. Immer machte konkretes menschliches Handeln den Unterschied.

Für die Textarbeit bedeutet das: Statt als Nachrichtenredakteur Floskeln zu bemühen und dabei (ungewollt) Legenden zu stricken, gilt es einfach, genauer hinzusehen und zu überlegen, was genau zu einer Situation führte.

Und Manuel Neuer? Hat ähnliche Situationen hundertfach gemeistert! Vielleicht fehlte diesmal nur – ein Quäntchen Glück.

[Update 22.6.2014]

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