Durch´s Nadelöhr: Tests an Journalistenschulen


Die Wissenstests an Journalistenschulen haben es bekanntermaßen in sich. Auch für Profis sind sie nicht so ohne weiteres zu knacken. Ein „böser“ Verdacht: Geht es vielleicht garnicht nur darum, mit dem abgefragten Wissen die „richtigen“ Bewerber zu identifizieren? Sondern (auch), den bildungsbürgerlichen Anspruch seiner Autoren zu bestätigen (und den hoffnungsvollen journalistischen Nachwuchs „auf Abstand“ zu halten)? 

  • Wer waren … Augustus? Augustinus? August der Starke? (Henri-Nannen-Schule)
  • Er war ein Freund Luthers und wurde „Praeceptor Germaniae“ genannt. Sein Name war? (Evangelische Journalistenschule)

Hand auf´s Herz: Wer von uns könnte hier auf Anhieb die richtigen Antworten präsen-tieren – selbst mit reichlich Berufsjahren im Hintergrund und damit jeder Menge an tagesaktuellem Faktenwissen? Was aber, wenn sich diese Hürden schon unmittelbar nach Abitur oder Uni auftun, ganz am Beginn (besser: noch vor Beginn) der journa-listischen Laufbahn?

  • Der 30-jährige Krieg dauerte von/bis (4 Antwortmöglichkeiten) (Evangelische Journalistenschule)
  • Vor 74 Jahren, am 4.Mai 1938, starb Carl von Ossietzky. Fallen Ihnen (mindestens zwei) Stichworte zu ihm ein? (Deutsche Journalistenschule)

Mit dem journalistischen Alltag haben diese Fragen wenig zu tun. Nicht, daß sie nicht zu beantworten wären. Aber sie sind in der Regel nur dann zu bewältigen, wenn der Bewerber in den Wochen vor der Prüfung nicht etwa die Welt erkundet, sondern sich tief in Zeitungen und Zeitschriften vergräbt – und in Geschichtsbüchern. Denn die deutsche Geschichte der vergangenen Jahrhunderte – Vorsicht: Ironie – sollte schon „drauf“ haben, wer heute als Journalist etwa für ein Jugendportal arbeiten möchte…

  • Bei welchem Prachtbau in Rom regnet es seit über 1800 Jahren durchs Dach? (Henri-Nannen-Schule)
  • Wer schrieb aus der Haft den Text für das spätere Kirchenlied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“? (Evangelische Journalistenschule)

Bezeichnend, daß Wolf Schneider/Paul-Josef Raue in ihrem neu aufgelegten Klassiker „Das neue Handbuch des Journalismus“ geradezu entsetzt sind über die miserable Quote zutreffender Antworten bei der Frage „Welcher der drei Kriege, die Bismarck führte, war der wichtigste, und wann fand er statt?“ (nur jeder zehnte Bewerber um einen Platz an der Hamburger Journalistenschule wußte die richtige Antwort). Schneider/Raue: Im Live-Gespräch on-air könne man schließlich auch nicht den Computer befragen. Tatsächlich nicht?

  • Christoph Schlingensief feierte 2004 in Bayreuth seinen Druchbruch als Opernregisseur mit welchem Stück von Richard Wagner? (Evangelische Journalistenschule)
  • Wie heißt der Leiter der Berlinale (Axel-Springer-Akademie)

Keine Frage: Journalisten müssen so gut ausgebildet sein wir irgend möglich! Nur: Welcher Art Wissen brauchen sie? Sicher so etwas wie lebenspraktische Intelligenz, etwa:

Wenn ich um 10 Uhr vormittags unserer Zeit in New York anrufe, wie wird mein Korrespondent dann wohl reagieren und warum? Und warum kann ich nicht „einfach in die jüdische Diaspora fahren“ (wie ein Kollege in der Redaktionskonferenz einer großen deutschen TV-Redaktion allen Ernstes vorschlug)?

  • Die Münchner Philharmoniker sind eines der international renommiertesten deutschen Orchester. Die Saison 2012/2013 markiert einen Neubeginn – ein 82-jähriger wird Chefdirigent. Wie heißt er? (Deutsche Journalistenschule)
  • Hernán Cortés eroberte das Reich der … im heutigen …; Francisco Pizarro eroberte das Reich der … im heutigen … (Henri-Nannen-Schule)

Was sagen uns Fragen dieser Art über Bewerber, die sie auf Anhieb richtig beant-worten? Dass sie „bessere“ Journalisten würden als diejenigen, die an ihnen schei-tern? Was würde übrigens passieren, drehten die Bewerber den Spiess um und konfrontierten die Prüfer mit den „Bildungsfragen“ ihrer Generation?

Etwa: Wer oder was ist ein Emo? Was tut man mit Chucks? Und was versteht man unter Free Hugs?

Statt Lexikon-Wissen reproduzieren zu können erwarte ich von Journalisten, dass sie in erster Linie kommunikative Fähigkeiten haben. Dass sie ein Gespräch führen können und aktiv zuhören. Die richtigen Fragen stellen, im rechten Moment. Und dass sie ihren Gesprächspartner „öffnen“ können und dazu bewegen, von sich zu erzählen.

Wenn man sich die Bewerbungsverfahren der Journalistenschulen anschaut (sie sind auf den jeweiligen Webseiten beschrieben), liest man davon aber nichts…

Ein Kommentar zu „Durch´s Nadelöhr: Tests an Journalistenschulen

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